Feminismus für Alle

Es sollte die feministische Eröffnung des Grundsatzprogramms werden. Doch das achtseitige Papier mit dem Titel „Kämpfe um Zeit“ und mit dem Inhalt der Vier-in-Einem-Perspektive wurde nicht als Antrag in die Programmdebatte des Parteivorstands eingebracht, daher dort weder erörtert noch in den Leitantrag aufgenommen. Möglicherweise wird das Papier zum Programmparteitag im Herbst als Antrag vorgelegt, so dass eine Kommentierung angebracht ist. Hier und da wird darüber diskutiert, mit unterschiedlichen Wertungen quer durch die Strömungen. Was ist eigentlich die Vier-in-Einem Perspektive? So fragen Viele, denn der mathematisch-sperrige Begriff erschließt sich inhaltlich nicht aus dem Wort heraus. Die Verfasserinnen um Frigga Haug leiten den Begriff aus der Kritik an der Arbeitsteilung her und konstatieren, dass die „Verfügung über Zeit als Grundlage aller Herrschaft“ anzusehen sei. Sie wollen das Problem durch die Vierteilung der Zeit überwinden, indem sie „ein Viertel Erwerbsarbeit, ein Viertel Reproduktionsarbeit, ein Viertel Muße, Kunst und Kultur und um das Ganze komplett zu machen ein Viertel Politik“ vorgeben. Unklar bleibt, ob es sich dabei um die Zeiteinteilung eines Tages, einer Woche, eines Jahres oder der gesamten Lebenszeit handelt. Der Text leitet mit dem Credo ein: „Die Zeit soll denen gehören, die sie leben“ . Das hört sich zunächst bestechend an. Endlich Zeit für mich, endlich weniger arbeiten, endlich weniger kochen, waschen, putzen, endlich selbst über „meine“ Zeit bestimmen. Es ist interessant, über die Nutzung der Zeit nachzudenken. Bei näherem Hinsehen stellt sich jedoch heraus, dass das schematische starre Konzept der Vierteilung eine Bevormundung darstellt. Was ist, wenn ich die Reproduktionsarbeit, vor allem die lästige Hausarbeit, auf ein Minimum reduzieren und daneben nur noch Politik machen will? Oder wenn ich überhaupt keine Politik machen will? Die Freiheit, über meine Zeit zu bestimmen, wird durch das starre Schema wieder zunichte gemacht. Unklar bleibt auch der kulturelle und regionale Bezugsrahmen der Vier-in-Einem Perspektive. Soll sie auch im internationalen Rahmen gelten – für die Bäuerin in den Anden, den Hochseefischer und die Politikerin in Berlin gleichermaßen? Das Vier-in-Einem-Konzept wird als „Antwort auf eine Jahrtausende währende Geschichte von Frauenunterdrückung“ gesehen. Klingt das nicht ziemlich anmaßend? Die Geschichte der Feministinnen ist begleitet von Kämpfen für Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung und Kämpfen gegen Männergewalt. Die Unterwerfung von Frauen unter männliche und staatliche Herrschaft wurde stets durch Gewalt und materielle, rechtliche und kulturelle Diskriminierung praktiziert und ist bis heute nicht überwunden. Das Problem der fremdbestimmten und ungleichen Verteilung der Zeit ist lediglich eine Folge davon und nicht die Ursache. Eine Reduktion der feministischen Kämpfe auf einen Kampf um die Zeit ist vereinfachend und verharmlosend. Von einer Perspektive, die sich als feministisch und sozialistisch begreift, sollte erwartet werden, dass sie die zentralen Forderungen der feministischen Bewegung aufgreift und die aktuellen Verteilungsprobleme löst. Auf ungleiche Löhne, un- und unterbezahlte Frauenarbeit und ungleiche Eigentumsverhältnisse zwischen Frauen und Männern gibt Vier-in-Einem keine Antwort. Kernforderungen der Feministinnen, das Recht auf den eigenen Körper, der Kampf gegen den § 218 und sexuelle Misshandlungen, werden durch Vier-in-Einem weder angesprochen noch gelöst. Die vorgeschaltete historische Analyse erscheint wie der Versuch, die Weltgeschichte an vier Fingern zu erklären. Es mag interessant sein, Zeitmodelle zu entwerfen. Als feministisches Konzept im linken Grundsatzprogramm ist das Zeitmodell der Vier-in-Einem Perspektive nicht geeignet.

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