Für eine neue Internationale

Vielen Linken ist sie vertraut, sie haben die Internationale gesungen, gesummt, mit oder ohne erhobene Faust, fühlend, dass Menschenrechte nicht allein national, sondern im internationalen Verbund erkämpft werden. Internationale in diesem Sinn gab es einige. Manche existieren nicht mehr, so die Kommunistische Internationale, untergegangen an einem Mangel an Demokratie, strategischer Klarheit, aufgelöst, als sie Stalin nichts mehr nützte. Andere gibt es noch, darunter die Sozialistische Internationale sozialdemokratischer Parteien, sie wirkt weltweit konterrevolutionär. Es gibt gute Gründe, zu einer Internationalen als Zusammenschluss von Parteien auf Distanz zu gehen, und doch fehlt etwas. Vor über 150 Jahren analysierten Marx und Engels im Kommunistischen Manifest, dass das Kapital auf seiner Jagd nach Profit um den Erdball rast, alle Kontinente unterwirft, aber zugleich seine Totengräber hervorbringt in Form der Arbeiterklasse. Doch bis heute haben wir es nicht geschafft, dem räumlich und zeitlich entgrenzten Kapitalismus eine politische Kraft entgegenzusetzen. Internationale Bewegungen konnten zwar wichtige Erfolge erzielen etwa gegen die Apartheid in Südafrika, den Vietnamkrieg, auch gegen Kinderarbeit oder für Klimaschutz. Die Sozialforen – weltweit, kontinental, in den Ländern – entwickeln eigene Formen des globalen Widerstands im Austausch politischer und sozialer Erfahrungen. Sind das schon die Totengräber? Zu Marx‘ und Engels‘ Zeiten ging das Gespenst des Kommunismus in Europa um, nicht weltweit, und die Proletarier aller Länder, die sich vereinigen sollten, waren eher männlich und hellhäutig. Im vergangenen Jahrhundert stießen die unterdrückten Völker dazu. Reicht es, die Subjekte fortdauernd zu erweitern etwa um Frauen, Landbevölkerung, indigene Ethnien oder müssen wir nicht zugleich den Blick schärfen für die aktuellen Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse? Dazu gehören das Patriarchat, die Selbstausbeutung, die Enteignung und Privatisierung der Natur, der Gene, des Wassers, kurz: alle Formen heutiger Produktion von Mehrwert und seiner Verwandlung in Profit. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts muss das Programm der LINKEN die globalen Verwertungsbedingungen des Kapitals und die Gegenkräfte erst noch präzise erfassen und den Anspruch einlösen, welt- und umweltverträglich zu produzieren, zu konsumieren, zu verteilen und somit anders zu leben. Um ihrer selbst willen muss die LINKE mit dem Eurozentrismus brechen, jede eigene Forderung auf ihre globalen Wirkungen überprüfen und auf dem ganzen Erdball die vielfältigen Formen und Folgen von mehr Gemeineigentum, mehr Geschlechterpolitik, Ökologie, Demokratie, mehr Internationalismus erkunden. Dann kann sie besser weltweiten Widerstand und gemeinsames Nachdenken über Strategie und Taktik befördern. Das wäre antiimperialistische Politik heute, zu der wir nicht nur „Die Internationale erkämpft das Menschenrecht“ singen, sondern sie erklären und einlösen. Mit der Forderung nach der Gründung einer neuen Internationalen in ihrem Grundsatzprogramm kann DIE LINKE ein wichtiges Zeichen setzen, dass sie diesen Anspruch ernst nimmt.

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