Brecht und Parteiarbeit

Mit viel Mühe, einer Anregung Lafontaines folgend, mit Hilfe von Barbara Brecht und Heiner Fink, gelang es uns, Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters” ins neue linke Parteiprogramm einzubringen: Fragen nach der Reichtums-Herkunft, der Kraft-Ausbeutung. Zweifel an den herrschenden Legenden bourgeoiser „Leistungsträger”.

Aber, es gibt auch unproduktive Zweifel. Zum Beispiel die der in Mode gekommenen Anti-Antikapitalisten und deren Spitzfindigkeiten beim Skandalisieren der praktischen Zweifler am Herrschenden. Sie lenken Kritik am Gegenstand vorbei auf die Kritiker des Gegenstandes. Rot-grün ist geführt von diesen Kritik-Kritikern, den ewigen Konterrevolutionären. Ziel ihres Regimes von Noske bis Münte ist das rigorose Ausschalten von allem weiter-linken Zweifel. Bei gleichzeitigem Versprechen, kleine Renditeteilchen aus der transnationalen Finanz-Diktatur an gehobene Gehaltsgruppen im Industrieproletariat zu leiten. Dem unteren Rest der Arbeitskraftverkäufer wird Apathie verordnet. Dazu wird widerständiges Organisationspotenzial atomisiert, um widerständiges Denken zu eliminieren. Der Prototyp dieses konzernmediengestützten Apathie-Regimes sind die USA, wo es gegen Wallstreet-Kandidaten nur selten gelang, Langzeitarbeitslose in Wählerlisten zu motivieren.

Das nachhaltige Frustrieren und Massenwahlenthaltung sind so kein Kollateral-Schaden des liberalen Parlamentarismus, sondern sein Konzept. Mediales Zungenschnalzen gilt der Professionalität beim Lügenspiel mietbarer Politiker und Intellektueller, die Brecht Tuis nannte. In der Finalität des bürgerlichen Parlamentarismus soll kein Herz mehr links schlagen. Übriggebliebene treue Wähler sollen die Inszenierungsprofis verehren lernen: ein Christdemokrat, der überzeugend so tut als sei er christlich, ein SPDler tut sozialdemokratisch, ein Grüner tut ökologisch, ein FDPler, der freiheitsliebend tut und Piraten inszenieren sich als Rebellen ohne Rebellion. Der Versuch, DIE LINKE dieser herrschenden Farbenvorspielerei einzuverleiben, ihnen die Unbequemlichkeit unbequemer Wahrheiten auszureden und ihnen Medienanpassung zu suggerieren, Linke von künstlerischen Versuchen populären demokratischen Lustweckens, vom antikapitalistischen Nutzen herrschender Parlamentsbühnen abzuhalten, wird uns auch in Zukunft begleiten. Der Versuch, Linke einzupassen, wird durch Druck von außen und Anpasser von innen immer wieder unternommen.

Brechts „Lob des Lernens“, sein „Du musst die Führung übernehmen.“ deutet mit „Du musst” auf Unbequemlichkeit. Aber, ohne bei unseren Wählern Führungsqualitäten herauszubilden, Unbequemlichkeit offen zu benennen, den langen Atem gegen „HartzIV” und kriegerische Krisenintervention, würde auch unsere Partei zu einer nur von Konzernmedien geführten und zum linksinszenierten Gestus feindlicher Kulturhegemonie schrumpfen.

Will aus der BRD neue imperialistische EU-Führungselite wachsen, muss zuvor das Parteisystem in diesem Sinne bereinigt sein. Auch DIE LINKE darf dann nicht mehr im Brechtschen Sinne als Ermutigerin demokratisch-revolutionärer Perspektive und Durchhalte-Kraft bleiben. Wer allerdings mitspielt beim SPD/Grüne-Partei-Abwracken, darf auf Prämie und medialen Rückenwind rechnen: Parteien sollen sich reduzieren auf kurzfristige wie leere Versprechungen an ihre Wählerschaft!

Für all jene Mitspieler der alten Herrschaft bleibt dieser Brecht eine Zumutung. Wenn er in seinem „Lob des Lernens“ schreibt: „Hungriger – greif nach dem Buch“. Jedes reformistische Machtschattengewächs weiß es da sofort besser: ‚Was der Hungrige doch braucht, ist ein Stück Brot!´ Und Wahlen könne nur gewinnen, wer ihm ein Stück Brot verspreche. Hungernden ein Buch zu versprechen, so der Reformist, sei nachgerade zynisch.

„Verschaffe dir Wissen, Frierender!“ Ist für die Trostpflasterkleber ein Gräuel. Was der Frierende doch braucht, (der Reformist öffnet hier praxisorientiert die Handfläche, um gebieterisch mit dem Handrücken darin alle Zweifel zu zerklatschen) ist „was zum Anziehen”.

Bücher, die den Kampf erleichterten, gab es von Reformisten selten. Wissen als kontinuierliche Bildungsarbeit und Agitation war stets der Kontrast zu ihrem Parteikonzept aus Trostpflastern, Abspeisen und Bei-Laune-Halten. Weil sie aber, ohne die Schatzkammern des Großkapitals aufzubrechen, von deren Managern seit 40 Jahren immer weniger Broteinheiten überlassen bekamen, reicht es auch in den Metropolen für immer weniger Arbeitskraftverkäuferinnen und -verkäufer. Seit nämlich das Nachkriegswachstum stockte und dann zur Resultante von Exportkrisen gefror, stolziert die „Arbeiter-Aristokratie“ auf immer dünnerem Eis. Also lud die rechtssozialdemokratische Führung nicht nur die Krisenlasten auf Rentner, Langzeitarbeitslose, Auszubildende und andere unorganisierte Lohnabhängige (Agenda 2010), sondern suchte sich gleichzeitig von ihnen zu verabschieden. Aber wenn schon, dann sollte aus früheren SPD-Wählern wenigstens generelle Wahlenthaltung werden. Zunächst stießen Reps, DVU und NPD in dieses Vakuum sozial und kulturell abgehängter Regionen. Die SPD-Führung baute ihren Laden zu einer reinen Agentur des deutschen Imperialismus um, die nur noch „gehobene, gebildete“ Teile des Proletariats still- und „Bildungsferne” von der Wahlurne fernhalten wollte.

Das bislang erfolgsarme Agieren der neorassistischen Rechten ist trügerisch. Die Linke wäre darum auch demokratiepolitisch überflüssig, würde sie sich an den Transmissionsriemen der SPD-Rechten binden und sich vom Parteityp und -Anspruch der Arbeiterbewegung als Antizipatorin der Selbstermächtigung verabschieden und somit auch die Ratschläge Brechts in den Wind schlagen.

Aber auch für die Linke ist Brecht eine produktive Provokation. Jetzt, in der „doppelten Krise”, klingelt uns im Ohr: „Du hast gezweifelt an uns/Zweifle nicht länger: Wir sind am Ende.”

Spitzfindige Anti-Antikapitalisten laufen sofort zu rhetorischen Meisterleistungen auf: „Brecht verbietet Zweifel an der Partei. Dogmatiker! Die Partei hat immer recht???” Der Reformist ringt theatralisch um Atem.

Aber: wenn diese Partei zerstört ist, was soll der Zweifel an ihr? Und wenn der Ort des radikalen Zweifels an der Kapitalverwertung entfällt, verleiben sich dann nicht die Zweifel des anschließenden Denkzerfalls dem Kapital-Rollback ein? Und außerdem: Der Zweifel vermag nichts mehr zu renovieren, wenn das zu Renovierende nicht mehr vorhanden ist.

Brecht hat solche Dialektik in andren Gedichten gezeigt: „Als ich im weißen Krankenzimmer der Charité/Aufwachte gegen Morgen zu … wußte ich/Es besser … hatte ich keine Todesfurcht mehr./Da ja nichts/Mir je fehlen kann/vorausgesetzt/Ich selber fehle.”

Denn, nach Brecht ist die Partei für den praktischen Zweifel, was – nach Shakespeare – der Begriff für das Denken ist: „Ich habe das Wort vergessen und körperlos taumelt der Gedanke zurück ins Prunkgemach der Schatten.” Die Partei ist gegenwärtig die praktischste Fassung des Zweifelns.

Die Partei verspricht nicht Facharbeitern ein paar mehr Broteinheiten. Sie organisiert den Kampf um den Lohngroschen in der Perspektive des Kampfes um wirtschaftliche Demokratie. Nicht hinter dem Rücken ihrer Wählerschaft, sondern mit ihr verhandelnd. In Bildungsarbeit und Agitation. Zur Ansprache der Industriearbeiterschaft, wozu die Partei in die Betriebe zu gehen hat, muss gleichzeitig die Mühe mit sogenannten
(Elite-)Bildungsfernen treten, wozu die Partei in die „sozial vernachlässigten Stadtteile und Dörfer” zu gehen hat, ‘raus aus dem Hinterzimmer des Gasthauses „Zum Bären”. Im Betrieb sind die Arbeitskraftverkäufer bei sich. Mit ihren kurzwelligen Wünschen (Produktionsbedingungen betreffend) und den langwelligen (Produktionsverhältnisse).

In Oberitalien artikulierten viele Arbeitende ihre Wünsche mit der linken Gewerkschaft CGIL. Außerhalb vom Betrieb wählten dieselben dann nicht. Oder Lega Nord. Denn außerhalb des Betriebes mischen sich Arbeiterwünsche – eingeschüchtert und umfragegestützt – denen von Zahnärzten u. ä. und ohnehin eloquenteren Anwälten und anderen Elitebürgern unter. Im Werben um Beteiligung an Wahl und Aktion, den Hungernden das Buch empfehlend und dem Frierenden das Wissen, muss jede radikaldemokratische Partei also Arbeiterwünsche kulturell als besonders würdig hervorheben, trainieren. Jedes über den vorhandenen Verteilungsspielraum hinausgehende Mehr-Versprechen, um dann doch nur kleine Teile des Proletariats abzuspeisen, ist unseriös sowie Ausladung von Selbstermächtigung. Eine demokratische Partei muss heutzutage immer auch eine proletarische Partei sein. Auch um ihrer Wahlerfolgsperspektiven willen darf sie an proletarischer „Anmut und Mühe nicht sparen“. Denn: „Dass ein gutes Deutschland blühe“(Kinderhymne, bb), setzt voraus, dass Putzfrau und Arbeiter die „Führung übernehmen müssen“ – und können (Lob des Lernens bb), setzt insofern widerständige Kulturarbeit voraus.

Brechts reine Demokratieperspektive, die sich nicht stellvertretend und hinter vorgehaltener Hand anmaßt, a priori Avantgarde zu sein, sondern Verhandlungsort strategisch angelegter Zweifel, ist, fern jeglichen Komintern-Parteityps, eine Avantgarde posthum: „Er hat Vorschläge gemacht. Wir/Haben sie angenommen … wären/Wir alle geehrt.”

Aber auch Publikumskritik, die vielgescholtene Wählerschelte, will dieser Brecht niemandem ersparen: „Warum so feindlich?“, fragt er in seinem Gedicht „Gegen die Objektiven” die spitzfindigen Anti-Antikapitalisten: „Sind wir/Eure Feinde, die wir Feinde des Unrechts sind? … Unsere Niederlagen nämlich/Beweisen nichts/als daß wir zu Wenige waren/Die gegen die Gemeinheit kämpften/Und von den Zuschauern erwarten wir/Daß sie wenigstens beschämt sind!“

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