Eine kurze Wahlanalyse zu Niedersachsen

Die bisherigen Wahlanalysen von Meves/Krüger, Kahrs und Manfred Sohn haben den gemeinsamen Nachteil, dass sie die Aufmerksamkeit zu wenig auf die alles entscheidende Frage lenken: Warum haben 55 Prozent der Wähler, die uns letztes Mal gewählt haben, diesmal weder uns noch eine andere etablierte Partei gewählt. Dieses Verhalten ist der Schlüssel für die Erklärung der Wahlniederlage von DIE LINKE in Niedersachsen.

40.000 Stimmen verlor DIE LINKE an die Nichtwähler, 9.000 an die Piraten und 3.000 an andere Parteien.  Das Verhalten dieser 52.000 Wähler ist weder dadurch erklärbar, dass „Lagerwahlkämpfe immer noch funktionieren“ (Meves/Krüger), noch durch die „Stimmung in weiten Teilen der Gewerkschaften, der SPD in Niedersachsen trotz der Erfahrungen aus der Vergangenheit erneut eine Chance zu geben“ (Manfred Sohn). Eine Wechselstimmung in Verbindung mit SPD und Grünen in der Opposition interessierte die 52.000 offensichtlich ebenso wenig wie ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Auch das Argument, dass DIE LINKE „zu schwach ist und nichts bewirken kann“, führt logisch wohl eher zur Wahl von SPD/Grüne/CDU als zur Wahl von Splitterparteien, Piraten oder Nichtwahl. Außerdem wurde das „zu-schwach-Argument“ in Bezug auf DIE LINKE lediglich von 17 Prozent angegeben (bei FDP und Piraten wurde das Argument sogar von 28 beziehungsweise 20 Prozent genannt).
Die 52.000-Wähler-Frage ist deshalb strategisch so bedeutsam, weil dieses Wählerpotential grundsätzlich für DIE LINKE mobilisierbar ist (weil sie schon einmal DIE LINKE gewählt haben) und potentiell an DIE LINKE bindungsfähig (weil sie sich für Rot-Grün seit zwei Wahlen nicht mehr interessieren).  Mit diesen Stimmen könnte die Machtbasis im Westen entscheidend erweitert werden, denn mit diesen Stimmen und der Wahlbeteiligung von 2013 hätte DIE LINKE in Niedersachsen bei knapp 5 Prozent gelegen.
Wenn DIE LINKE zukünftig durch eigene Stärke Wahlen im Westen gewinnen will, dann muss sie herausfinden, wer diese 52.000 Wähler sind, welche Sorgen und Nöte sie haben und warum sie DIE LINKE diesmal nicht gewählt haben. Aufgrund der Bedeutung dieser Frage liegt es nahe, dies von unabhängigen Fachleuten qualitativ und empirisch so schnell wie möglich untersuchen zu lassen. Ohne Antworten auf die Fragen besteht die Gefahr, dass im Westen DIE LINKE schwach bleibt.

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